Liebe FreundInnen und Interessierte,
im Januar diesen Jahres verabschiedete der Parteivorstand der SPD bei seiner Klausurtagung in Bremen ein neues Grundsatzprogramm, den “Bremer Entwurf”. In meiner Stellungsnahme möchte ich mich zu den darin vorkommenden jugend- und arbeitspolitischen Inhalten äußern. Außer diversen Neuformulierungen entnahm ich dem Entwurf keine wirklich neuen Themen oder Zielsetzungen zum ´89 beschlossenen Grundsatzprogramm. Vielmehr zeigt es leider, dass die SPD es trotz hochgesteckter Ziele und zwei Regierungslegislaturperioden in Koalition mit Bündnis´90/Die Grünen, es nicht geschafft hat, einer ihrer chancengleichheitsschaffenden Ideen zu realisieren.
Das beste Beispiel bietet die aktuelle Lage der Bildungspolitik. Mittlerweile ist allein in Berlin, durch Lehrer- und Materialmangel, in über 60% der Schulstunden an Gesamtschulen kein Unterricht mehr möglich, in Bremen sind es sogar erschreckende 90% der Stunden. Klar ist, dass bei solchen Zahlen der Wissensdurst des Individuellen auf der Strecke bleibt. Das Ziel jedem, unabhängig vom Einkommen seiner Eltern, die gleichen Chancen auf dem Bildungsmarkt zu ermöglichen, ist in der bisher vorangegangenen Art und Weise schlichtweg ein schlechter Witz.
Ich persönlich lebe in Berlin-Neukölln, wo ich jeden Tag aufs Neue die zunehmende Gettoisierung durch Perspektivlosigkeit bei der beruflichen Bildung beobachten kann. Laut Agenda 2010 sollten jedem Arbeitslosen unter 25 Jahren bis spätestens August 2005 mindestens vier Ausbildungsangebote unterbreitet werden. Ich warte bis heute auf mein erstes Angebot von Seiten der Jobagentur und ich denke, dass ich damit nicht alleine stehe. Meine Freundin hat in diesem Semester mit ihrem Germanistikstudium in Potsdam begonnen und muss seither ohne jegliche staatliche Unterstützung versuchen ihr Leben zu finanzieren. Seit Beginn des Studiums fühlt sich das Arbeitsamt nicht mehr zuständig und verweist auf das Bafögamt. Dieses verweigert ihr die Hilfen, auch die Elternunabhängigen. Soviel zur Unabhängigkeit vom Einkommen der Eltern. Außerdem wurde, wie schon die letzten Jahre zum 5. Mal hintereinander eine erneute Nullrunde bei
der Bäfogangleichung beschlossen, da ja kein finanzieller Spielraum bestehe. Da frage ich mich, wer da von sozialer Gerechtigkeit spricht?
Im Übrigen frage ich mich, wie man mit auf Länderebene eingeführten Studiengebühren das “Recht auf gebührenfreie Ausbildung vom Kindergarten bis einschließlich des Studiums” zu realisieren gedenkt. Alles in allem finde ich die Vorstellungen des SPD-Parteivorstandes allesamt ganz schön, doch leider utopisch, solange die Führung aufgrund lobbyistischer Interessen anders agiert, als die Ziele es vorgeben.
Patrick, 23 Jahre